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Der Arzt von Stalingrad

AUS DEM TAGEBUCH DES DR. SCHULTHEISS

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»Es ist ja gar nicht nötig, Fräulein Salja«, sagte er beruhigend, »aber wenn man in diesem Land nicht einmal die simple Apparatur für das Anlegen eines Pneumothorax auftreibt.«

»Wenn Sie nicht alle Vollmachten von Major Worotilow hätten, schlüge ich Sie jetzt in die Fresse!« brüllte Dr. Kresin wütend, »Sie verfluchter deutscher Hund!«

Janina sprang auf und legte Kresin ihre Hand auf den Arm. »Warum soll ich nicht mit ins Lager gehen? Wenn es für mich besser ist. Worotilow wird es erlauben.«

»Genossin Salja!« Dr. Kresin keuchte. »Wenn das in Moskau bekannt wird, wenn eine Inspektion kommt, wir können es nicht!«

Janina sah Dr. Schultheiß aus ihren fiebrigen Augen an. Ihr Blick war so hell und klar, dass es Schultheiß wie ein Zittern durch den Körper lief. »Als Leiterin der Sanitätsbrigade Stalingrad unterstehen mir auch die Arbeiter des Lagers 5110/47. Sie arbeiten in Stalingrad, sie werden von meiner Brigade betreut auf den Arbeitsplätzen. Wenn eine Kontrolle mich im Lager antreffen sollte, dann kann ich einfach sagen, dass ich die deutschen Arbeiter inspiziere

»Dazu ist Dr. Kasalinsskaja da.«

» Mit ihr werde ich mich gut verstehen

»Hoffentlich.« Dr. Kresin zuckte mit den Schultern und packte das Stethoskop ein. »Ich werde es dem Major sagen. Auf Wiedersehen, Genossin.«

»Auf Wiedersehen, Genosse Kresin.«

Wieder reichte sie Dr. Schultheiß die Hand. Er spürte den Druck ihrer schmalen Finger. Aber ihr Gesicht war unbeweglich und bleich. Die Sonne ließ ihr Haar rot aufleuchten.

Im Lager hatte der erste Tag mit 100 Gramm Brot weniger begonnen. 100 Gramm ‑ das bedeutete eine Mahlzeit weniger von diesem klitschigen, feuchten, schwer im Magen liegenden Gebäck. Das bedeutete siebenmal 100, 700 Gramm Brot weniger in der Woche und damit 700mal verstärkte Hungerqual und schmerzhaftes Bohren in den Eingeweiden. Es hatte sich längst herumgesprochen, dass Bascha Tarrasowa auf einen neuen Seidenschal verzichtete. Aber Major Worotilow war unerbittlich, und Leutnant Markow baute die Strafe zu einer Schikane aus, unter der die Plennis keuchten und fluchten. Es nutzte nichts, dass die Baracke VII in Block 5 in einen Hungerstreik trat. Markow betrat sie mit fünf Soldaten und baute ein Maschinengewehr in dem langen Raum auf, legte die Tagesrationen auf die Tische und kommandierte: »Alles fressen!« Da krochen die hungernden Gestalten von den Pritschen und hinter den Spinden hervor und verzehrten unter dem Lauf des Maschinengewehrs ihre Portion. Leutnant Markow lachte, als er die Baracke verließ.

Karl Georg versuchte an diesem Tag seine Tulpen zu verkaufen. Er hatte lange gezögert, ehe er sie abschnitt und wie Kleinode in die Baracke trug. Dort hatte er sie noch einmal allen Kameraden gezeigt, ehe er sie unter dem Hemd verbarg und zur Waschbaracke schlich, wo der Kirgise in der Sonne faulenzte und seine Zigarette rauchte.

»Hier, du Sauviech!« sagte Karl Georg und hielt ihm die Tulpen hin. »Für dein Mädchen, die alte Hure! Zehn Rubel!« Er hob beide Hände hoch und zeigte alle Finger. Der Kirgise lachte breit. Er griff in die Tasche, legte sechs Rubel auf einen Schemel, nahm die Blumen aus Georgs Hand, trat ihm in den Hintern und schrie lachend hinterher, als der Deutsche mit seinen sechs Rubeln wegrannte. Dort standen Hans Sauerbrunn, Julius Kerner und Karl Eberhard Möller und fingen den wütend vor sich hinfluchenden Georg ab.

»Sechs Rubel«, sagte Kerner nachdenklich. »Wenn wir uns alle in den Hintern treten lassen, macht das noch mal achtzehn Rubel.« Da keiner der anderen lachte, ging Kerner brummend in die Baracke und legte sich auf seine Pritsche.

Ein Glanzstück leistete sich ein Mann aus Baracke VIII, Block 12. Er verkaufte den Schlips eines Bauunternehmers, den er diesem am Tag zuvor in Stalingrad gestohlen hatte, an einen Mongolen als Schärpe für zwölf Rubel. Der Mongole trug den Schlips um den Leib bis 12 Uhr mittags, da sah ihn Leutnant Markow, gab ihm ein paar schallende Ohrfeigen und entriß ihm die Krawatte. Da der Mongole den Mann, der ihm den Schlips verkauft hatte, nicht mehr beschreiben konnte, blieb auch dieser Fall ungeklärt.

Am Abend dieses ersten Tages hatte das Lager 130 Rubel zusammen. Nach der abendlichen Zählung wurde der Betrag durch Sanitäter Emil Pelz an Dr. Böhler weitergegeben, der das Geld sinnend in der Hand wog.

» Man könnte heulen«, sagte er zu Sellnow.

In einer Ecke des Arztzimmers saß Dr. Schultheiß und führte das Tagebuch der Station. »Oberfähnrich Graf von Burgfeld unverändert«, trug er ein. Dann besann er sich, dass es hier keinen Grafen gab, sondern nur eine Nummer. Er strich den Namen durch und schrieb darüber: »Nummer 4583.«

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powers
I would punch you in the face.
gasped; panted;
are subordinate to me
they are supervised on the job by my brigade
meet; come across;
inspect
I'll get along with her.
motionless and pale
soggy, wet rolls sitting heavy on the stomach
700 times greater hunger torment and painful burning sensation in the bowels
The word has long since been spoken
renounced a new silk scarf
implacable
increased the penalty for harrassment
Barrack VII in block 5 went on a hunger strike, but it did not help.
Markow came with five soldiers and pointed machine guns into the long room, then he put the daily rations on the tables and commanded: "Everyone eat"!
The starving figures crawled from their plank beds and ate their rations at machine gun point.
He had long hesitated before he cut them off and brought them to the barracks like gems.
concealed and sneaked to the laundry barrack
stupid creature
stool
kicked him in the butt
He sold a tie of a building contractor
sash
a couple of resounding slaps in the face
the case remained unclear
After the evening count paramedic Emil Pelz delivered the amount to Dr. Böhler. He weighed the money in his hand.
One could cry.
was filling out the clinical journal
wrote
Then he remembered that there was no Count, only a number.
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