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Der Arzt von Stalingrad

Erstes Buch

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Alles riecht heute wieder nach Kohlsuppe. Die Baracke, das enge Zimmer, das Bett, die dicken gesteppten Jacken, die Pelzmütze, die Handschuhe, der blecherne Essnapf, die tausendfach gestopften Socken ... alles, alles! Sogar die Primel vor dem Fenster des Zimmers 3, dem Zimmer unseres Oberarztes Dr. von Sellnow. Woher sie kam, diese Primel... keiner weiss es. Sie war plötzlich da, stand auf dem schmalen Fenstersims und sah hinaus auf die unendliche Weite der Wolgaebene. Der Wind von Stalingrad flüsterte in ihren Blättern, ihre Blüten wiegten sich leicht, und oft standen wir davor, hatten die Hände um diese blassrote Blüte gelegt und träumten von den Primeln zu Hause. Überall gab es diese Blume in der Heimat, sie wurde hier ein Stück Deutschland, heimatlos wie wir, verpflanzt und doch lebend. Mein Gott, wie dumm sind die Gedanken, wenn man Heimweh hat.

Hinter meinem Rücken ging der Oberarzt hin und her. Seine kurzen, stämmigen Beine stampften den Dielenboden, als wolle er die Nägel einzeln festtreten. In seinem Gesicht, dem breiten Gesicht mit den weit auseinanderstehenden Augen und der hohen Stirn, sah ich Ratlosigkeit und tiefes Entsetzen.

» Ein Saustall, Schultheiß«, schrie er aufgebracht und schlug wütend mit der Faust gegen die Wand. »Ein Saustall, aber kein Lazarett. Keine Medikamente, keine Spritzen, keine Instrumente ‑ nicht mal ein Chirurgenmesser. Womit sollen wir behandeln, womit sollen wir operieren? Ein paar alte dreckige Lappen als Verbandszeug, vier alte verrostete Gefäßklemmen, mit denen der Iwan offenbar Kerzen geschneuzt hat und die der Pelz dann vom Müllhaufen herunterholte ‑ das ist so ungefähr das ganze Inventar dieses sogenannten Lazaretts!«

Er nahm seinen Marsch durchs Zimmer wieder auf.

»Ich sage Ihnen, Schultheiß, bei den Arbeitsbedingungen, die unsere Männer hier haben, werden wir Krankheiten und Unfälle am laufenden Band haben. Zertrümmerungen, und Quetschungen und Knochenbrüche, ansteckende Krankheiten, Gelbsucht und > Dystrophie< ‑ wie man hier so schön sagt, wenn einer drauf und dran ist, vor Hunger zu krepieren!«

Er pflanzte sich vor mir auf und schrie mich an: »Aber ich werde mich weigern, Schultheiß! Ich werde den Teufel tun, ich werde nein schreien und dieser russischen Ärztin, diesem Weibsstück, ins Gesicht schlagen. >Ihr Deutsche seid doch Genies<, grinst sie mich an, >was braucht ihr teure Medikamente und Instrumente, das Genie behandelt mit der Improvisation...< ‑ das sagt mir dieses Mistvieh! Und wir müssen die Schnauze halten, wir müssen kuschen, wir müssen es schlucken, wir verdammten, rechtlosen, stinkenden Plennis. Aber ich werde hier nicht den Arzt spielen, ich nicht, Schultheiß!«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn.

»Herein!« rief Sellnow mit Stentorstimme, und unser Sanitäter Pelz trat in den Raum.

»Tschuldjen Se, Herr Oberarzt, der Chef nicht hier?« rief Pelz aufgeregt: »Mit Nummer 4583 steht et schlecht... er hat große Schmerzen, und det Opium hilft nischt mehr!«

» Da haben wir's«, schrie Sellnow, »ich habe ja von Anfang an gesagt, dass diese konservative nichtchirurgische Behandlung einer Blinddarmentzündung ein Quatsch ist, jetzt haben wir die Bescherung

»Glauben Sie, Herr Oberarzt«, fragte ich leise und erschrocken, »dass der Appendix durchgebrochen ist?«

»Was haben Sie denn gedacht?« schrie mich Sellnow an. »Selbstverständlich ist das eine Perforation, der Mann muß sofort operiert werden.« Und dann schlug er sich mit der Faust gegen die Stirn und schrie: »Aber womit, Schultheiß, womit, wir haben noch nicht einmal ein lausiges Skalpell!«

Sein Gesicht war knallrot angelaufen. Er sah geradezu beängstigend aus. Ich wollte etwas Beruhigendes sagen, als sich die Tür öffnete: Dr. Fritz Böhler, unser Chef, musste sich etwas bücken, um mit dem Kopf nicht an den oberen Balken zu stoßen. Sein langes schmales Gesicht mit der überhohen Stirn, den mandelförmigen Augen, der langen Nase mit dem engen Sattel und dem zusammengekniffenen dünnlippigen Mund trug deutlich den Stempel, den ihm Jahre der Kriegsgefangenschaft aufgeprägt hatten. Das an den Schläfen ergraute Haar hatte die peinliche Ordnung verloren, auf die er so großen Wert legte. Seine schmutzige Wolljacke stand über der Brust offen, das Hemd darunter war zerknittert und feucht von Schweiß.

»Gehen Sie hinüber, Pelz«, sagte er leise, »und bereiten Sie den Patienten auf die Operation vor.«

Der Sanitäter Pelz sah ihn erstaunt an und ging dann wortlos hinaus.

»Und womit wollen Herr Stabsarzt operieren?« fragte Sellnow und machte nicht einmal den Versuch, den Hohn in seiner Stimme zu unterdrücken. »Natürlich mit dem Messer, Herr von Sellnow«, antwortete Böhler ungerührt.

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so called
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under the working conditions
accidents; casualties;
continuously; non-stop;
fragmentations
bruises
broken bones
contagious diseases
jaundice
dystrophy
is about to croak from hunger
he planted himself in front of me
I'll refuse
Like hell I will
bitch
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to knuckle under
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A knock on the door interrupted him.
with stentorian voice
nervous
There you are! (I told you so)
treatment
appendicitis
bullshit; nonsense; nuts;
mess
broken through
lousy
turned bright red
He looked scary.
to bend down a little
very high forehead
almond-shaped eyes
mouth with thin lips pressed together
bore a distinct imprint of
gray hair at his temples
meticulous
were so important to him
cardigan
rumpled
smelled sweat
startled; astonished;
stuff surgeon
sneer; scorn;
to suppress
impassive
to keep mouth shut
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