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Der Arzt von Stalingrad

Erstes Buch

Page 3

Sellnow hob die Hand mit einer Geste, die > wohl verrückt geworden< bedeuten konnte, dann besann er sich und ließ die Hand sinken. Er trat an Böhler heran und fragte heiser: »Mit welchem Messer?«

Böhler griff in die Tasche und zog dann die Hand wieder heraus. Als er sie öffnete, lag ein Taschenmesser darin. Ein gewöhnliches, altes zweiklingiges Taschenmesser, wie wir es alle als Jungen in billigen Geschäften kauften.

»Einer unserer Leute hat es mir gegeben«, lachte Dr. Böhler, »der gute Kerl hat verstanden, es vor allen Filzungen durch die Russen zu retten.«Während wir den Gang entlanggingen, vorbei an den drei großen Zimmern, in denen über siebzig Kranke und Verletzte lagen, vorbei auch an den drei Zimmern, in denen die russische Ärztin, Dr. Alexandra Kasalinsskaja, arbeitete, stieß mich Sellnow an.

»Wer assistiert?« fragte er leise.

» Ich nehme an, Sie

» Ich habe keinen Mut mehr, Schultheiß. Mit einem Taschenmesser ein perforierter Appendix! Wenn ich jemals in die Lage kommen sollte, das im alten Deutschland zu erzählen, halten sie mich für einen wüsten Aufschneider. Mir ist lieber, Sie assistieren und ich mache die Narkose

»Aber ... ich habe nicht viel Übung, und es wird sicher schwierig werden.«

»Das wird weder sehr schwierig noch sehr langwierig«, prophezeite Sellnow düster.

Wir betraten den >Operationssaal<. Es war ein etwas größeres Zimmer mit einem weißbezogenen Tisch. Auf ihm lag schon der Patient Nummer 4583. Emil Pelz stand neben dem Tisch und sprach leise auf den Kranken ein. Als wir eintraten, kam er uns entgegen und sagte nur für uns verständlich:

»Puls klein und ziemlich schnell, Herr Stabsarzt, schwankt zwischen hundertzwanzig und hundertvierzig, sieht nicht jut aus!«

Dr. Böhler wandte sich den auf einem Tisch stehenden Waschschüsseln zu. Pelz half ihm aus der Jacke, und Böhler begann sich zu waschen.

»Legen Sie dem Patienten einen Sandsack oder was Sie sonst haben unter die rechte Hüfte«, sagte er, »und reinigen Sie das Operationsgebiet, Rasieren nicht vergessen.« Sellnow war an den Kranken herangetreten und tastete behutsam mit beiden Händen die Gegend des rechten Unterbauchs ab. Der Kranke begann sofort vor Schmerz zu stöhnen. Sellnow ließ augenblicklich von ihm ab, sprach ein paar beruhigende Worte und trat dann ebenfalls an die Waschschüssel.

» Ich übernehme die Assistenz«, sagte er heiser vor Wut, »und machen Sie die Narkose«, fügte er zu mir gewandt hinzu. Mit heftigen Gebärden trug er sich grüne Schmierseife auf Hände und Unterarme auf, feuchtete sie an, griff sich aus einem Behälter eine Handvoll Sand und begann sich mit diesen primitiven Mitteln zu waschen. Pelz hatte die Instrumente, die für die Operation zur Verfügung standen, in einen Kessel mit Wasser gesteckt, der auf einem Petroleumkocher summte. Es war kläglich, was ich da sah: ein paar Gefäßklemmen, ein paar Stücke Draht, die zu Wundhaken zurechtgebogen waren, und das klägliche Taschenmesser, sonst nichts. Mich schauderte.

Plötzlich wurde mir siedend heiß. Ich trat zu Pelz, der das Operationsfeld gereinigt hatte und die Umgebung mit alten, zerschlissenen Baumwollfetzen abdeckte. » Mensch, Pelz«, sagte ich, »wir haben ja kein Nähmaterial, weder Catgut noch Seide

»Lassen Sie man, Herr Doktor«, grinste Pelz, »dafür ha ick schon jesorcht. Ick hab der Bascha, dem Küchentrampel, ihren seidenen Schal geklaut und uffjerebbelt. Wir ham jetzt ein paar Kilometer prima Seidenjarn ... was wir für die Operation brauchen, kocht da drüben in dem Topp.«Ich hatte eben das, was wir stolz unser Instrumentarium nennen durften, auf ein Tablett ausgebreitet und auf einen Stuhl neben den Operationstisch gestellt, als die Kasalinsskaja den >Operationssaal< betrat. Ihre erdbraune Uniformjacke war über der Brust geöffnet und ließ die rote Bluse, die sie darunter trug, sehen. Die langen, schwarzen Haare hingen ihr auf die Schultern und die breiten Schulterstücke. Sie trug flache, dick besohlte Sportschuhe und Seidenstrümpfe. Außerdem rauchte sie eine süß duftende türkische Zigarette.

Sellnow trat auf sie zu und schrie sie an: »Was machen Sie denn hier?! Und auch noch rauchen, im Operationszimmer! Wohl verrückt geworden, was?!«

Die russische Ärztin sah Sellnow groß an und warf die Zigarette in den Eimer, der für blutige Verbände, herausgeschnittene Organe und andere Abfälle dienen sollte. Sie schob mit ihrer kleinen, etwas gelben Hand den Oberarzt zur Seite und trat zu Böhler, der, die gereinigten Arme vorsichtig vor sich hinhaltend, Pelz Anweisungen bei der Lagerung und beim Festschnallen des Patienten gab. Pelz bediente sich dabei alter Lederriemen und zerschnittener Koppel.

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lost his mind
had second thoughts
ordinary, old, two blade folding knife
search (for contraband)
to save
wounded
Sellnow pushed me
I assume it's you.
I have no more courage.
they'll think I am a wild blowhard
I anesthetize
I have little experience
lengthy
covered with white (cloth)
varied between
sich jdm./etw. zuwenden - to turn towards sb./sth.
jdm. aus dem Jacke helfen - to help sb. off with one's jacket
sandbag
hip
to clean
operational area
approached the patient
palpated gently
the right lower abdomen region
let up on him immediately
also; too;
I'll assist
hoarse with anger
he added turning to me
vigorously
soft soap
moistened it
container
were ready for the operation
kettle; bowl;
kerosene stove
despicable; miserable; wretched;
filament
were bent into shape of retractors
I shuddered.
I was boiling hot.
covering the area with old, tattered cotton rags
Gosh! Jeeze! Man!
suture, catgut, not even silk
kitchen klutz
stole
earth brown
shoulder straps
flat, thick-soled athletic shoes and silk stockings
besides
sweet-scented
Are you out of your mind?
gave Selnow a blank look
bucket
bloody bandages
removed organs
waste materials (garbage)
to serve
careful(ly)
instructions regarding positioning and strapping the patient
made use of an old leather strap and torn military waist belt
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