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Der Arzt von Stalingrad

Erstes Buch

Page 4

Die Kasalinsskaja blickte auf den Patienten und nickte. »Appendizitis«, sagte sie. Sie besaß eine schöne Stimme. Dunkel, schwingend, eine Stimme mit Melodie. Ihre Lippen öffneten sich beim Sprechen, als sei jedes Wort ein Kuss, und in ihre Augen trat ein Glanz, der sie fast schön machte ‑ wenn man vergessen konnte, daß sie die Ärztin war, die jede Woche von Außenlager zu Außenlager fuhr und dort rücksichtslos die Männer in die Wälder, Steinbrüche, Bergwerke und auf die Bauten nach Stalingrad jagte, mit dem stereotypen Wort: »Gesund!« Gesund auch dann, wenn sie vor Hunger und Entkräftung schwankten, wenn Furunkel ihren Körper bedeckten, wenn das Fieber sie schüttelte ... rabotat nada ... dawai ... dawai... Ihr habt Stalingrad zermalmt ... ihr habt die schöne Stadt an der Wolga pulverisiert ... nun baut sie wieder auf... und wenn es sein muss, mit euren Knochen! Mit eurem Blut als Mörtel, mit eurem Fleisch als Steinen, mit euren letzten Seufzern als Richtspruch!

Dr. Böhler sah herüber. »Fertig mit den Instrumenten?«

»Der Stiel hat sich durch das kochende Wasser vom Schaft gelöst«, antwortete ich leise.

» Macht nichts«, meinte Böhler, »wenn der Holzstiel weg ist, können wir es wenigstens besser sterilisieren ‑ soweit hier von Sterilität überhaupt die Rede sein kann«, fügte er traurig lächelnd hinzu.

Er drehte sich nach Sellnow um, der noch immer mit dem Reinigen seiner Hände beschäftigt war, und rief: »Sind Sie fertig, Sellnow?« und dann zu mir: »Beginnen Sie mit der Narkose, Schultheiß. « Während ich unsere kostbare Ätherflasche öffnete und die aus Draht und Mullbinden behelfsmäßig angefertigte Narkosemaske an mich nahm, sprach Böhler einige tröstende Worte zu unserem Patienten.

» Nur mit der Ruhe, mein Junge«, sagte er, » das kriegen wir schon hin, in vierzehn Tagen sind Sie wieder auf dem Damm.« Er machte mir ein Zeichen mit dem Kopf, und ich setzte die Maske vor Mund und Nase des Kranken.

»Tief und ruhig atmen«, sagte ich zu ihm, »und von hundert rückwärts zählen, hundert, neunundneunzig, achtundneunzig und so weiter, verstanden?«

In diesem Augenblick trat die Kasalinsskaja heran und nahm mir die Ätherflasche aus der Hand. »Lassen Sie mich«, sagte sie hart und dann, gewollt gebrochen in ihrem sonst guten Deutsch: »Du geh zu Chef.«

Ich blickte auf und in das Gesicht Sellnows. Seine Augen verschlangen die Kasalinsskaja. Der Hass in seinem Blick war unverkennbar, aber auch die Bewunderung für dieses Weib mit der wunderbaren Figur.

»Haben Sie kein Skalpell?« fauchte er sie an. Sie schüttelte den Kopf. »Kein Instrument?« fuhr er fort. Sie schüttelte den Kopf. »Womit operieren Sie denn dann?«

»Ich bin Internistin, ich operiere nie.« Die Kasalinsskaja lächelte, wirklich, sie lächelte Sellnow an und begann dann ungerührt den Äther auf die Maske zu tropfen. Der Kranke hatte aufgehört zu zählen und fing plötzlich an, heftig zu zucken und sich aufzubäumen. » Exzitation«, sagte Dr. Böhler ruhig. »Schultheiß und Pelz, halten Sie ihn fest ‑ und Sie«, er machte eine Kopfbewegung zur Kasalinsskaja, »tropfen Sie schneller.«

Der Zwischenfall war in Sekunden vorüber. Der Kranke lag ruhig atmend da. Ich griff zum Puls und meldete: »Hundertzwanzig.« Nicht einmal eine Uhr hat man oder wenigstens ein Sandglas, um den Puls richtig zählen zu können, dachte ich ‑ da hatte Böhler schon das Messer in der Hand, legte die Linke spannend auf die Haut des Operationsfeldes und zog einen raschen Schnitt.

Während Sellnow die improvisierten Wundhaken aus Draht ansetzte und die Wunde weiter auseinanderzog, tupfte der Chirurg das Blut auf. Dem Sanitäter Pelz, der beim Tablett mit den Instrumenten stand und sie Böhler zureichte, rief er anerkennend zu: »Schneidet tadellos, das Messer«, und Pelz, der es geschliffen hatte, grinste geschmeichelt. Die Wunde klaffte nun weit, und wir konnten alle sehen, wie sich das gespannte Bauchfell hineinwölbte. Ich beobachtete die Gesichter. Böhler war ruhig und gefasst, Sellnow erregt, und die Kasalinsskaja hatte offensichtlich Angst. Die Ätherflasche in ihrer Hand zitterte.

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We'll fix it.
You'll be back on your feet again.
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willfully broken
devoured
hatred
unmistakable
admiration
he snarled at her
he continued
internist (female)
unapologetic; unmoved;
to trickle; to drip
stopped
suddenly started to twitch violently and resist
excitation
incident
was over in seconds
I took his pulse and reported
at least
gripping the skin
made a quick incision
tissue retractor
applied
pulled apart
the surgeon was dabbing the blood out (of the wound)
handed, passed
flattered
gaped
peritoneum
bulged, arched, curved
calm; composed;
was clearly scared
was shaking
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